„Unterricht macht plötzlich Spaß“
Sassenberg (dor). Seit den Sommerferien ist die Hauptschule im Herxfeld eine gebundene Ganztagsschule. Die Schüler gehen nahezu täglich bis um 16 Uhr zur Schule. Eine große Veränderung für alle Beteiligten. Lehrer, Schüler und auch Eltern. Sie alle kommen in einer kleinen „Glocke“–Serie zu Wort. Den Anfang machen die Schüler selbst.
Um 13.18 Uhr herrscht noch absolute Ruhe im Speiseraum im ersten Obergeschoss der Hauptschule. Andrea Bartsch, die täglich das Essen ausgibt, sowie Jutta Gäher, die sich mit Agnes Ruhe dabei abwechselt, stehen beschürzt hinter der provisorischen Essenstheke. Nudeln mit Tomatensauce, Fleischspieße mit Kartoffeln und Bohnen stehen heute auf dem Speiseplan. Mir Ertönen des Schulgongs um 13.20 Uhr ist es mit der Ruhe vorbei. Die Schüler kommen. 75 Essen täglich teilen die beiden Damen aus. Sie ertragen den Lärmpegel ebenso wie die Kinder selbst, das Aufsichtspersonal und die SV-Mitglieder, die die Kinder mit Getränken versorgen.
„Manchmal ertönt auch eine Glocke, dann ist es kurz ruhiger, aber viel bringen tut das nicht“, meint Jeremy Markham, der die Klasse 5a besucht. Er und seine Klassenkameradin Jana Hartmann, Kevin Vejt und Isabell Ginzel aus der 5c sowie Luis Schlemper und Lena Gerzen aus der 5b standen der „Glocke“ Rede und Antwort, was der Besuch der Ganztagsschule für sie bedeutet.
Das Beste vorweg. Die Befragten haben wieder Spaß am Unterricht, sind aufgrund besserer Noten motiviert. In der Hauptschule fühlen sie sich gut aufgehoben und angenommen. Sie attestieren den Lehrern allesamt sehr viel Hilfsbereitschaft und ein großes Engagement. „Die kümmern sich hier wirklich um einen und wenn man Probleme hat, kann man auch mit ihnen reden“, fasst Jana Hartmann ihre Meinung kurz zusammen. Auch die Tatsache, dass die Schule eine Playstation, einen Schulkiosk und eine Cafe´-Ecke hat, finden die Fünftklässler toll.
Von neuer Schulform überzeugt
Sassenberg (gl). Ein schöneres Lob dürfte es für Schulleitung und Lehrerkollegium der Hauptschule im Herxfeld nicht geben: Selbst Elternteile, die vormals eingefleischte Gegner der Ganztagsschule waren, sind jetzt begeistert und geben dieser Schulform und den Pädagogen Bestnoten. Zum Abschluss der ,,Glocke“–Serie kommen nun einige Eltern zu Wort.
,,Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich mein Kind auf keinen Fall auf die Ganztagsschule geschickt,“ erinnert sich Roswitha Reimann an ihre anfängliche Aversion gegenüber der gebundenen Ganztagsschule. Mittlerweile ist ihre Einstellung eine andere geworden. Sie ist glücklich mit dieser Schulform, vor allem, weil ihr Kind glücklich ist. ,, Meine Tochter ist früher ausgesprochen ungern zur Schule gegangen, sie hat morgens auch oft geweint, heute geht sie gern dahin“, erzählt die Mutter. Sie macht auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein bei ihrem Sprössling aus. Dem können Cindy Hartmann, Renate Hartmann, Renate Markham, Andrea Zumbrink und Klaus Weiße-Reccius nur beipflichten. ,,Die Kinder haben sich geändert, sind stärker geworden“, so die einhellige Meinung. ,,Unser Jeremy war früher ganz zurückhaltend, jetzt lebt er auf“, sagt Renate Markham über ihren Sohn, der beim ,,Tag der offenen Tür“ selbstsicher Eltern und Kinder durch die Schule geführt habe, als hätte er sein Lebtag nichts anderes getan. ,,Er ist begeistert, weil die Lehrer ihm jetzt etwas zutrauen“, freut sich Renate Markham über die Entwicklung ihres Sohnes. Cindy Hartmann, deren Bekanntenkreis der Ganztagsschule skeptisch gegenüberstand, ist ebenfalls sehr zufrieden mit der neuen Situation. ,,Meine Tochter war früher ein richtiges Problemkind“, so die alleinerziehende Mutter. ,, Schlecht in der Schule, voller Selbstzweifel, trotzig und phasenweise in sich gekehrt. Und heute ist sie Klassensprecherin, bringt gute Noten mit nach Hause, macht sogar Extra-Arbeiten und fühlt sich pudelwohl“, erzählt Cindy Hartmann. Die Tatsache, dass die Kinder keine Hausaufgaben mehr zu Hause erledigen müssen, finden die befragten Eltern ausgesprochen angenehm. Klaus Weiße-Reccius sieht hierin sogar einen Grund für zusätzliche Motivation. ,,Wenn die Kinder eine schlechtere Note erhalten, setzen sie sich freiwillig hin und tun noch etwas für die Schule“, so seine Erfahrung. Weiter ist er überzeugt, dass die Kinder viel selbstständiger an verschiedene Thematiken herangehen als früher. Die Tatsache, dass die Kinder ihre Hausaufgaben in der Schule erledigen, mache den tatsächlichen Entwicklungsstand der Kinder für die Lehrer auch transparenter. So könnten diese viel eher Fördermaßnahmen ergreifen. Durch die Mehrzeit, die die Lehrer mit den Schülern verbringen, sei auch die Schüler-Lehrer-Beziehung eine ganz andere geworden, sind sich die Eltern einig. Klaus Weiße-Reccius spricht im Vergleich zu früher von geringeren Frustrationserlebnissen. ,,Die Kinder gehen ohne Negativerfahrungen vom Vortag zur Schule, sie sind viel weniger Druck ausgesetzt.“ Gut findet er auch, dass man den Kindern nicht nur schulische, sondern auch soziale Kompetenzen, wie Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein und Rücksichtnahme vermittele. ,,Die Kinder sind hier sehr gut aufgehoben, die Lehrer sind engagiert“, fasst Roswitha Reimann ihren Eindruck zusammen.
Dorit Reimann