„Wir haben jetzt ja fast nur noch Doppelstunden“

Sassenberg (dor). Nicht nur für Schüler ist die Ganztagsschule eine große Herausforderung. Auch die Lehrer müssen sich auf die neue Situation einstellen, ihren Unterricht neu strukturieren und ihn derart umgestalten, dass den Bedürfnissen der Schüler und der Schule entspricht.

"Wir haben jetzt ja fast nur noch Doppelstunden'" erzählt Birgit Schlebbe, Fachlehrerin für Naturwissenschaften, Mathematik und Englisch an der Hauptschule im Herxfeld, die ab diesem Schuljahr als gebundene, also verpflichtende, Ganztagsschule geführt wird.
Damit der Unterricht interessant bleibt, ist ein häufiger Methodenwechsel erforderlich. Mal werden die Schüler zur Gruppenarbeit angehalten, mal arbeiten sie frei, manchmal sei auch Frontalunterricht gefordert. Das zu variieren, und die Aufmerksamkeit der Schüler hoch zu halten, sei doch eine große Herausforderung.
Wie Reinhold Bussieweke als Rektor sagt, habe sich das Kollegium durch Selbststudium in die Materie „Ganztagsschule“ eingearbeitet. Was nun folgt, sei „Learning by doing“. Es sei klar, dass es sich bei der Ganztagsschule um einen Entwicklungsprozess handele, der nach einer permanenten Evaluierung verlange.
Deshalb treffen die Klassenlehrer der Jahrgangsstufe 5, denn nur diese wird bislang ganztags unterrichtet, sowie Fachkollegen einmal die Woche zur Konzeptentwicklungsstunde zusammen. Hier wird darüber gesprochen und abgewogen, was gut läuft, was weniger funktioniert und was man optimieren könnte. Die Rückkopplung ist dabei ganz wichtig. Aber nicht nur unter Lehrern. Auch auf das Feedback der Eltern legt die Schulleitung großen Wert, ja fordert diese sogar auf, sich bei Auffälligkeiten sofort zu melden.
Wie Reinhold Bussieweke weiter ausführt, sei die Rhythmisierung bei der täglichen Arbeit in einer Ganztagsschule ebenfalls ein wichtiger Erfolgsfaktor. Das heißt, es müsse nicht nur auf eine ausgewogene Verteilung der Stunden im Stundenplan geachtet werden, sondern auch innerhalb des Unterrichts müssen die Lehrer die unterschiedlichen Belastungsstufen der Schüler erkennen und dementsprechend reagieren. Aufgrund der Mehrzeit, die Lehrern und Schülern zur Verfügung steht, wird das möglich gemacht.
Petra Kahle und Cornelia Speckien fuhren regelmäßig Bewegungs- und Entspannungsrunden durch, um die Kinder auf den Nachmittag einzustimmen. Sogar eine Rückenschulung war schon Bestandteil des Sportunterrichts von Kahle. Die Lehrerin hat auch am Stundenplan mitgestrickt, der möglichst viele Stunden bei der Klassenlehrerin vorsieht.

Schüler merken, dass nicht so gehetzt wird

Cornelia Speckien, die bereits Erfahrungen an einer anderen Ganztagsschule gesammelt hat, lobt das System an der Ganztagsschule im Herxfeld. Durch die Ausdehnung der Hauptfächer auf sechs bis acht Unterrichtsstunden die Woche sei eine differenzierte und gezielte Förderung möglich. Man könne den Unterricht sehr viel flexibler gestalten, könne auf mehr Dinge eingehen, ja habe ganz einfach mehr Zeit für die Wissensvermittlung, so Speckien.
„Die Schüler merken, dass hier nicht so gehetzt wird“, ist auch Petra Kahle überzeugt. Was beide Lehrerinnen schon bemerkt haben, ist die nachlassende Kondition und Konzentration an den Nachmittagen. „Man muss schon sehen, dass man in den Nachmittagsunterricht nicht zu viel hineinpackt“, sind sich beide einig. Schließlich seien die Fünftklässer nicht nur jung, sondern auch noch in der Gewöhnungsphase.
Gegen Ermüdungserscheinungen aber gibt es ja wie bereits erwähnt diverse Entspannungs- und Auf1ockerungsstunden. Und freitags in der achten und neunten Stunde haben die Kinder Projekt-AGs. Hier wird gebaste1t, Theater gespie1t, gerappt und vieles mehr. „In einem kleinen System wie diesem kann man sehr individuell auf die Bedürfnisse der Kinder, aber auch die der Lehrer eingehen“, freut sich Cornelia Speckien, die der Schulleitung attestiert, den Stundenplan so „gestrickt“ zu haben, dass er sowohl Schülern als auch Lehrern Entspannung bringt.

15 Minuten zwischen Schulschluss und Klavierstunde

Dennoch geben die Schülerinnen und Schüler zu, dass sie nachmittags, wenn sie kurz narch 16 Uhr nach Hause kommen, „ganz schön geschafft“ sind. Zumal die meisten nahezu im direkten Anschluss ihren Hobbies nachgehen. Jana hat bereits eine ihrer zwei Tanzgruppen sausen lassen, weil sie es zeitlich sonst gar nicht mehr schafft. Wenn sie zum Tanzen geht oder aber zu ihrem Pferd, ist sie mitunter erst um 18.30 Uhr zu Hause. Groggy, lwie sie sagt. Ähnlich geht es auch Kevin, der nach der Schule Fußballtraining hat oder auch Jeremy, dem von der Ankunft daheim bis zu seiner Klavierstunde gerade mal eine Viertelstunde Zeit bleibt. Ansonsten ist er oft zu Hause. Meistens verabrede ich mich gar nicht mehr, ich bin zu kaputt. Manchmal gehe ich noch zum Chatten ins Internet, so der Elfjährige.
Isabell Ginzel, die aus Füchtorf kommt, findet es schade, dass sie fast nur noch den Samstag hat, wenn sie sich mit einer Sassenberger Freundin treffen möchte. In der Woche lohnt das nicht, beziehungsweise lässt auch ihr voller Terminkalender ein Treffen mit Freunden nicht mehr zu. 
Luis Schlemper hat zwar Zeit sich zu verabreden, dafür geht er keinen speziellen Hobbies nach. Lena Gerzen bedauert es ebenso wie die anderen, nur noch wenig Zeit mit der Familie verbringen zu können. „Ich sehe meine Eltern kaurn noch“, sagt auch Jana.
Andererseits aber finden es alle schön, die Gemeinschhaft in der Ganstagsschule zu erleben. Ein bisschen ruhiger nur dürfte es für die Befragten dabei zugehen. Der Lärmpegel im Speiseraum macht ihnen zu schaffen. Auch in den letzten beiden Unterrichtsstunden gehe es lauter zu als am Vormittag, so ihr Eindruck. „Man kann sich bisweilen schwer konzentrieren“, findet Isabell. Positiv sei die Sache mit den Hausaufgaben. Dadurch, dass diese erledigt sind, wenn sie nach Hause kommen, herrscht dort weniger Stress und Krach. Vorher gab es oftmals Konflikte rnit Mutter und Vater.
Auf die Ferien freuen sich die Kinder ebenso wie auf den Erweiterungsbau. Wie Reinhold Bussieweke, Rektor der Hauptschule sagt, werden acht Klassenräume, ein Werkraum sowie ein dazugehörger Maschinenraum entstehen. Die Kosten dieses Baus, der Ende Januar begonnen wird, belaufen sich nach seinen Worten auf 1,8 Millionen Euro. „Wir wissen, dass wir zurzeit ein Provisorium haben, haben uns darauf eingestellt und sind zufrieden.“ Länger als ein Jahr aber sei die Situation nicht tragbar. Dem dürften auch die Schüler und Schülerinen des Ganztagsbetriebs zustimmen.